…werde aus berlin schreiben … später aus zürich

Zehn zahme Ziegen zogen zehn Zentner Zucker zum Zoo -

der ganze Zoo frisst jetzt Zucker, denn Zucker macht froh!

kleine welt der süssigkeiten

Irgendwie sind die Menschen hier sensibler für kleine feine Unterschiede. Besonders, wenn sie mit Orten verknüpft sind. Es ist wie eine kleine Welt, jede Stadt ein anderes Land. Der grösste Teil des Tourismus ist immer noch innerhalb des Landes. Und so sind auch die entsprechenden Touristenartikel lokal. Zum Beispiel Hello-Kitty-Handyanhänger. Neulich habe ich einen gekauft, den man nur in der Yamgata-Präfektur bekommt. Oder Briefmarken. Sondermarken sind mit lokalen Sehenswürdigkeiten bedruckt.

Viele dieser Dinge habe ich am Anfang gar gar nicht wahrgenommen, zum Teil, weil ich ja nichts lesen kann, zum Teil aber auch, weil die Unterschiede so fein sind. Als ich nach Sendai fuhr zum Beispiel, wurde mir nicht geraten, dieses oder jenes anzuschauen, nein, man sagte mir, ich müsse unbedingt Reis essen, der Reis sei so gut dort.

Das Phänomen der kleinen Unterschiede liesse sich an vielen Beispielen beschreiben, ich möchte von einem schreiben, mit dem ich mich, vielleicht zufällig, von Anfang an beschäftigt habe – japanische Süssigkeiten.

Die Süssigkeiten hier sind nicht wie bei uns aus vielen unterschiedlichen Zutaten hergestellt, mal heiss mal kalt und immer moeglichst neu, anders. Nein, hier gibt es ein paar wenige Zutaten, die dann in unglaublicher Vielfalt variiert werden. Die wichtigsten sind Reis und Bohnen. Und Zucker. Aus Reis macht man dann Mochi oder Daifuku, je nach Reis, wir würden den Unterschied nicht merken, wenn wir es nicht wuessten. Beides ist gedämpfter Reis der solange mit ein wenig Wasser geschlagen wird bis er ganz pampig und zäh ist und ein wenig durchsichtig. Es gibt auch Mochi aus Kuzu, einer anderen Pflanze, oder aus Walabi, einem Berggemüse. Dieses Mochi hat ein wenig eine andere Konsistenz und ist ein bisschen durchsichtiger. Alle Sorten Mochi schmecken im Grunde nach nichts.

Die Bohnen werden gekocht und gesuesst. Meist werden sie dann unterschiedlich fein püriert. Dass heisst dann “Ancho” und findet sich in fast jeder Süssspeisen-Anordnung. 

Am häufigsten findet man Mochi und Ancho gemeinsam in Ballform, innen Ancho, aussen Mochi, oder auch aussen Ancho, innen Mochi. Man findet aber auch Mochi in kleinen Teilchen, dann taucht man es zum Beispiel in Kinako, hellbraunes Sojabohnen-Pulver. Oder das Mochi ist in Bambusblätter gewickelt und nimmt ganz fein den Geschmack dieser an, und zum essen kommt der Genuss des Auspackens hinzu. Oder oder oder. Und das Ancho, das kann wie gesagt unterschiedlich fein sein und man kann es auch in Teig einpacken oder in eine Art Pancakes oder einfach pur essen, oder oder oder.

Etwas ganz Besonderes daran ist, dass die Süssigkeiten nicht immer gleich sind, sondern saisonal. Einige gibt es nur zu bestimmten Feiertagen oder nur einige Wochen.

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Das Wichtige bei diesen ganzen Suessigkeiten ist nicht der Geschmack, denn viele schmecken gleich oder ähnlich oder haben gar keinen Geschmack. Das Wichtige ist die Atmosphäre beim Essen, das anschauen, die Textur, die Konsistenz. Im Japanischen gibt es ein Wort dafür: “Sho’kan”

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Natürlich gibt es auch Globalisierung in dieser kleinen Welt, Süssigkeiten aus Hokkaido sind auch in Kyoto zu bekommen, aber besonders sind sie nur und schmecken eindeutig besser, wenn man sie aus Hokkaido mitbringt.

kleine beobachtungen

Durch die Strassen des alten Kyotos schlendernd entdeckt man staendig neue kleine Details. Typisch fuer traditionelle Orte, vor allem Restaurants, scheint ein langer Weg, bevor man tatsaechlich zu den Räumen gelangt. Der Weg als Vorbereitung, Einstimmung, und jedes Ankommen ist der Anfang eines neuen Weges. Vor fast jedem Restaurant stehen zwei kleine Teller mit weissen Häufchen drauf (Salz, wie in Erfahrung brachte). Die Salzhütchen sind Tradition aus der Zeit, in der man sich noch auf dem Rücken von Kühen fortbewegte – die Kühe sollten aus dem Verlangen, Salz zu lecken, stehen bleiben und so die Reiter zu einem eingehenderen Blick auf das Restauraunt und eventuell zum Bleiben bewegen.

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salz      inuyalai

Der unterste Meter der traditionellen Häuser ist oft mit einer kleinen Vorkontruktion aus Schilf, Bambs oder Holz abgedeckt. Lange hab ich mich gefragt, was das ist. Der Grund ist sehr einfach: die Verkleidungen sollen die dahinterliegende Holzkonstruktion davor schützen, bei der Reviermarkierung der Hunde Schaden zu nehmen.

erdbebensicherheit

Tut mir leid, dass ich ein bisschen mit fachverwandten Themen komme, aber ein paar Kommentare zum erdbebensicheren Bauen hier in Japan muss ich doch mal loswerden:

Erstens: hier in Kyoto haben sie eine neue geologische Stoerzone entdeckt, die Bruchlinie endet direkt im Huegel hinter dem Hauptcampus der Uni und jetzt werden alle Gebaeude der Universitaet Kyoto ueberholt. Das ist ein riesiges Projekt und besonders auf dem Uji Campus, auf dem ich auch mein Lab sich befindet, scheinen die Gebauede tatsaechlich sehr ueberholungsbeduerftig. Da nicht genuegend Raum vorhanden ist, wird das Retrofit bei dem groessten Gebaeude Abschnitt fuer Abschnitt durchgefuehrt. Dadurch gibt sich die seltene Moeglichkeit, einen direkten Eindruck vom vorher-nachher zu bekommen und auch zu fotographieren. Die Fotos kommen am Mittwoch noch. Der zusaetzliche Stahl ist so massiv, dass man Angst bekommen kann, wenn man in einem alten Gebaeudeteil untergebracht ist. Ich bin (bzw. war) aber in einem neuen, keine Sorge. Ein Nebeneffekt ist übrigens, dass ständig irgendwelche Gruppen umziehen, die Gänge eigentlich immer mt Kisten vollgestopft sind.

Zweitens: schon in den allerersten Tagen in Tokyo fiel mir auf, dass Kabel hier grundsaetzlich ueber der Erde verlaufen – grosser Kabelsalat in den Staedten. Nur an ausgewaelten Gegenden sind die Kabel unter die Erde verlegt. Ganz unabhaengig von der Schoenheit mag dies fuer den Unterhalt vielleicht praktisch sein, doch bezueglich Erdbebensicherheit scheint das wohl nicht so klug. Bei dem Erdbeben in Kobe 1995 sind viele dieser Masten umgekippt. So koennen sich leicht Feuer entzuenden und ausserdem sind die Strassen versperrt für Feuerwehr und Krankenwagen. Da wundere ich mich schon ein wenig. Und nebenbei: der Unterhalt scheint auch nicht ganz ungefährlich. (Danke, T. für das Foto) 

kabel   kabalmann_tobi

kommunikation und pachinko

In Japan muss man nicht kommunizieren. Ich hatte das schon lange gemerkt, aber gestern ist mir das irgendwie nochmal klarer geworden. Ich bin nämlich Pachinko spielen gegangen (siehe neuer Banner oben). Ja genau, überfuellter Raum, laute Musik, verraucht, klimpern von Kugeln. Pachinko ist so eine Mischung von Flipperautomat und Geldspiel, kleine silberne Kugeln werden automatisch in das Spielfeld geschossen, der Spieler entscheidet nur, mit welcher Kraft. Ziel ist, dass die Kugeln in irgendwelche Speziallöcher auf dem Spielfeld fallen, was dann wiederum, wenn man Glück hat, dazu führen kann, dass der Automt unendliche neue Kugeln ausschüttet, die man dann wieder oben in das Gerät füllen kann. Pachinko-Hallen sind überall, viele scheinen süchtig danach zu sein, einige erspielen sich hier ihren Lebensunterhalt. In der jungen Generation ist ein etwas neuerer Automat, Slot-Machine, populärer, ein Spielautomat mit drei drehenden Rädchen, die man per Knopfdruck anhält und hofft, überall das gleiche Bild zu bekommen.

Jedenfalls wollte ich das wenigstens einmal machen solange ich hier in Japan bin und gestern spontan, als ich mit einem japanischen Freund an einer Pachinko-Halle vorbeilief, zog es uns hinein. Nur fuer einige Minuten, denn das Spiel ist echt langweilig und ziemlich teuer.

Aber worauf ich hinaus wollte: Ich hatte diese Vorstellung, dort hineinzugehen und an irgendeiner Theke am Eingang Kugeln zu kaufen, mir dann einen Automat auszusuchen und zu spielen. Stimmte natürlich nicht. Die Automaten werden direkt mit Geld gefüttert. Kommunikation nicht notwendig. Und das ist an vielen Stellen so. Manchmal bezahlt man gar in Restaurants vorne am Automaten, bekommt ein Ticket und reicht dieses dann nur noch über die Theke – ohne ein Wort zu sagen. Das ist wohl auch ein Grund, warum es so einfach ist, kein Japanisch zu lernen – man braucht es nicht. Die paar Situationen, wo man kommunizieren muss, lassen sich leicht mit Gesten überwinden.

Übrigens würde ich vielleicht sogar nochmal Pachinko spielen gehen, wenn ich zuviel Kohle übrig haette, denn was wirklich nett war - die Leute hatten grosse Freude, als sie sahen, dass ich tatsächlich spielte. Haben sich umgedreht und mich angelacht und kurz ihr eigenes Spiel vergessen. Ich glaube, sie hätten sich alle mit mir gefreut, wenn ich gewonnen haette. Denn Ausländer kommen normalerweise nur rein um Fotos zu machen.

die alltäglichen freundlichkeiten

…lange nichts mehr geschrieben… …aber in den nächsten tagen schreibe und poste ich wieder ein paar bilder…

In Japan gibt es viele Jobs, deren Sinn unsereins nicht auf Anhieb versteht. In Russland hätte man sie vermutlich mit dem Begriff  “Arbeitsbeschaffungsmassnahmen” als eigentlich unnötig abgetan. Doch im Gegensatz zu Russland, wo einen beispielsweise die Frauen unten an den Rolltreppen in die Metro keines Blickes würdigen oder unfreundlich anmaulen, versüssen einem hier diese Personen den Alltag, denn man wird stets freundlich gegrüsst – geht man zum Bespiel durch die elektronischen Schranken auf einen Bahnhof, hört man immer ein “Danke” vom Bahnangestellten.

Natürlich gibt es auch solche, mit denen man nicht direkt interagiert, wie den Zugführer und den Triebfahrzeugführer in jedem Zug (ja, in jedem Zug zwei Angestellte, obwohl keine Tickets kontrolliert werden). Einer ist hauptsächlich zuständig für die Ansagen am Bahnhof und zwischen den Bahnhöfen, die in Wortlaut und Melodie so genau einstudiert sind, dass man die Unterschiede in den Stimmen kaum mehr wahrnimmt. Der andere  fährt den Zug. Dabei sieht er aus wie ein Playmobil-Männchen mit grüner Mütze und weissen Handschuhen. Besonders toll sind die Handbewegungen, die er macht. Da scheint es eine ganze Handzeichensprache zu geben. Das einzige Zeichen, dessen Bedeutung ich ausmachen konnte, war das, wenn ein Bahnhof durchfahren wird ohne anzuhalten. Und irgendwo muss eine Kamera sein, denn für wen sollten die Zeichen sonst gemacht werden? Jedenfalls ist das so faszinierend, dass ich jetzt grundsätzlich im ersten Wagen fahre und durch die Scheibe dieses Handschauspiel beobachte.

Von denen, mit denen man interagiert, sind zwei in meinem Alltag tatsächlich fester Bestandteil geworden: Erstens der Herr in dem Container am Eingang zu meinem Campus, der immer einen guten Morgen wünscht und ansonsten vermutlich nicht viel zu tun hat.

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Der zweite ist mir besonders lieb geworden. Jeden Morgen, wenn ich vom meinem Haus zum Bahnhof laufe oder die gleiche Strecke auf dem Fahrrad fahre, ist die Strasse voll von Grundschulkindern, die zur Schule laufen. Um deren Weg zu sichern, steht an jeder Ecke ein Erwachsener, der, ausgerüstet mit iner gelben Fahne, die Kinder sicher über die Strase winkt. Normalerweise sind das Eltern, meist Mütter, die in irgendeinem Turnus diese ehrenvolle Aufgabe übernehmen. Auf meiner Teilstrecke allerdings gibt es vor allem einen alten Herren, der das vermutlich freiwillg macht. Nachdem ich zwei Tage dort entlang gelaufen war, gehörte ich irgendie zu den Kindern, wurde genauso fröhlich begrüsst, wie jedes von ihnen – ich war, zumindest ein wenig, in die Nachbarschaft aufgenommen. Und da er den Kindern immer die Uhrzeit sagt, damit sie wissen, ob sie schlendern dürfen oder sich sputen müssen, wusste ich auch immer gleich, ob ich meinen Zug noch erwischen würde.

Gärten

Heute war ich im “Garden of Fine Arts” – Architektur pur, in der Reproduktionen von zehn berühmten Kunstwerken ihren Platz finden, gebaut, nein, erschaffen von Tadao Ando.

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Als ich am Abend dann zum Grab des Meji-Kaisers spazierte, das bei mir um die Ecke liegt und zu dem ich es vorher dennoch nicht geschafft hatte, schien es mir, als wären sich diese beiden Orte ähnlich. Ersterer wie für das Foto gemacht, aus jedem Winkel ergibt sich eine andere perfekte Perspektive; zweiterer eine unglaubliche Ruhe. Die Anlage hatte etwas von einer alten japanischen Zeichnung - eine Perfektion der scheinbaren Zufälligkeiten.IMG_1181